Ein Vater kam zu einem Coaching.
Er hatte große Schwierigkeiten, seine Tochter morgens in die Kita zu bringen. Jeden Morgen war es dasselbe Theater. Er stand in der Diele, die Jacke seiner Tochter in der Hand. Sie saß trotzig auf dem Boden. Kein Schuh angezogen. Keine Anstalten, die Haare zu kämmen.
Und er merkte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Diese vertraute Anspannung, die sich irgendwo zwischen den Schultern festsetzt und nach oben wandert.
Er hatte Übergänge angekündigt. Routinen aufgebaut. Alles versucht, was man eben so versucht. Trotzdem: Widerstand. Jeden Morgen. Und er war schon erschöpft, bevor der Tag überhaupt richtig begonnen hatte. …
Die Aufstellung: Erster Teil
In der Aufstellung begann er mit dem, was er direkt kannte: Er wählte eine große blaue Figur für sich selbst und eine kleine lila Figur für seine Tochter. Dann legte er einen grünen Edelstein daneben – den Zeitdruck: „Sie muss um halb neun in der Kita sein.“ Einen violetten Edelstein für den Widerstand seiner Tochter. Und einen Feuerkegel für seine Wut: wie eine Flamme, die nach oben schießt, sobald sich die Situation aufschaukelt.
Es ergab sich folgendes Bild:

Was noch dazugehört
Nach einiger Zeit des Schweigens stellte ich ihm die Frage: „Was wirkt da auf dich ein?“ Er dachte kurz nach – und dann fächerte sich eine zweite Schicht auf.
Er nahm eine rosa Figur und stellte sie auf das Brett. Da ist zum einen die Kita: „Der Morgenkreis startet pünktlich um halb neun, sonst gibt es ein unangenehmes Gespräch mit der Erzieherin.“ Er wählte zusätzlich ein gelbes Verbindungselement zwischen ihr und sich – ein Zeichen dafür, dass diese Erwartung täglich auf ihm lastet.
Dann sein Arbeitgeber: Daily Stand-up um 10 Uhr – ein Pflichttermin im Büro. Er wählte eine schwarze Figur. Auch hier legte er ein Verbindungselement zu sich.
Und schließlich seine Partnerin. Sie ist Ärztin und geht früh aus dem Haus. Bevor sie geht, steht da diese stille Erwartung: „Das muss hier morgens mit dir funktionieren.“ Er wählte eine rote Figur und eine grüne Verbindung.
Er betrachtete das Brett und wurde erst einmal still.

Die Stille danach
Nicht betroffen. Nicht aufgewühlt. Einfach still. Und in dieser Stille stellte ich ihm eine Frage: „Kennst du das irgendwoher? Dieses Gefühl von Zeitdruck? Wo ist dir das in deinem Leben vielleicht schon einmal so begegnet?“
Die Antwort kam sofort: „Na, ist doch klar. Früher, als ich klein war. Meine Mutter war Lehrerin. Da musste alles pünktlich sein. Da gab es überhaupt keine Zeit dafür, dass ich meine Schnürsenkel selbst binde. Es war morgens immer Stress …“
Pause.
„Dann nimm dir mal etwas dafür und leg es hin.“
Er wählte einen blauen Edelstein für den Zeitdruck von damals und legte ihn auf das Brett. Dann suchte er eine kleine blaue Figur für sich selbst als Kind – die gleiche Farbe wie seine heutige Figur, nur kleiner – und stellte sie neben eine große pinke Figur, die er für seine Mutter wählte.
Dann schaute er auf das Brett und sagte leise:
„Es ist genau dieselbe Situation wie damals. Sogar die Farben. Lila und Blau – nur spiegelverkehrt.“ Hier wurde es emotional. Nicht dramatisch, aber etwas hatte sich geöffnet. „Ich will nicht, dass sich das jetzt wiederholt.“
Was er veränderte
Dann kam der Moment, in dem er nicht mehr beschrieb, sondern handelte. „Dieser ganze Krempel hier – das ist mir alles zu viel.“
Er schob die Verbindungselemente zur Seite und baute damit eine Grenze zwischen sich und dem, was von außen auf ihn einwirkte: Kita, Arbeitgeber, Partnerin. Nicht weil die Kita keine Rolle mehr spielte. Oder sein Arbeitgeber. Oder seine Partnerin. Sondern weil er spürte: Er entscheidet, wie nah er das an sich heranlässt. Er grenzte sich auch von seiner Mutter ab und sagte zu ihr: „Ich sehe, dass auch du damals sehr gestresst warst. Du hast dein Bestes gegeben. Und ich darf es mit meiner Tochter heute anders machen.“
Irgendwann sprach er laut aus, was er durch die Aufstellung erkannt hatte: „Auf die fünf Minuten kommt es eigentlich nicht an. Lieber habe ich ein unangenehmes Gespräch mit der Erzieherin, als jeden Morgen diesen Kampf mit meiner Tochter.“
Die Wut war verschwunden. Der gefühlte Zeitdruck auch. Er legte die Elemente zurück in die Schachtel. Jetzt fühlte es sich für ihn stimmig an.
Er ließ das Brett so stehen:

Vom Reagieren zum Verstehen
Hat sich die Situation dadurch von einem Tag auf den anderen aufgelöst? Nein.
Die Tochter wurde nicht plötzlich morgens kooperativ. Der Zeitdruck verschwand nicht. Und auch die Anforderungen von Kita, Arbeit und Familienalltag waren am nächsten Tag noch dieselben.
Verändert hatte sich etwas anderes.
Der Vater hatte erkannt, dass er nicht nur auf die aktuelle Situation reagierte. Ein Teil seiner Anspannung gehörte zu einer Erfahrung, die viel älter war: der Druck, funktionieren zu müssen. Die Sorge, zu spät zu kommen. Das Gefühl, dass morgens alles reibungslos laufen muss.
Was er als Kind erlebt hatte, wirkte unbemerkt noch immer mit.
Allein diese Erkenntnis veränderte seinen Blick auf die Situation. Er konnte den Druck früher bemerken. Er konnte unterscheiden, was zur aktuellen Situation gehörte – und was aus seiner eigenen Geschichte kam.
Dadurch entstand etwas, das vorher kaum möglich gewesen war: ein kleiner Moment zwischen Reiz und Reaktion.
Nicht jeden Morgen. Nicht perfekt. Aber immer häufiger.
Und genau das machte einen Unterschied. Aus dem automatischen Kampf wurde nach und nach mehr Gelassenheit. Mehr Verständnis für seine Tochter. Und auch mehr Verständnis für sich selbst.
Der Zeitdruck war nicht verschwunden. Aber er bestimmte nicht mehr jeden Morgen.
Sebastian Breß ist promovierter Informatiker, Familienaufsteller und Papa. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Herausforderungen nicht an fehlenden Lösungen scheitern, sondern daran, dass wichtige Zusammenhänge unsichtbar bleiben. Mit GAMiKi unterstützt er Menschen dabei, Gefühle, Beziehungen und innere Dynamiken sichtbar zu machen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.
Mehr über Sebastian: sebastian-bress.com



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